Ein spätgotischer Flügelaltar von Hans Klocker, dem Brixner Meister, aus dem Jahr 1490 — in einer Fraktionskirche auf gut 400 Metern Höhe, ohne Hinweistafel an der Hauptstraße und ohne Warteschlange. Pinzon (Pinzano) steht auf keiner Pflichtliste. Genau deshalb lohnt sich ein Vormittag dort.
Wo liegt Pinzon?
Pinzon ist eine Fraktion der Gemeinde Montan (Montagna) an der Südtiroler Weinstraße; das Dorfzentrum liegt zwischen 390 und 430 m. Unterhalb breitet sich der Talboden der Etsch aus, oberhalb steigen die Hänge nach Glen (Gleno) und zum Cislon hinauf. Dazwischen: Weinberge, bis an die Hausmauern.
Was Pinzon ausmacht, steht in keinem Reiseführer als Sehenswürdigkeit, prägt aber alles — das Kleinklima: warme Tage, kühle Nachtwinde. Für eine heikle rote Rebsorte ist das die ideale Kombination. Sie reift tagsüber aus und erholt sich nachts, die Säure bleibt erhalten. Wer sich fragt, warum sich auf so wenigen Quadratkilometern so viele Weingüter drängen, hat mit dieser Temperaturamplitude die Antwort.
Was gibt es in Pinzon zu sehen?
Fünf Dinge, alle wenige Gehminuten voneinander entfernt.
- Kirche St. Stephan: der spätgotische Altar von Hans Klocker aus dem Jahr 1490 und eine historische Wörle-Orgel. Klocker gehörte zu den bedeutenden Bildschnitzern der Brixner Schule — dass ein Werk von ihm in einer Fraktionskirche steht, sagt viel über den Rang dieser Gegend im 15. Jahrhundert.
- St.-Stephans-Platz mit Brunnen: der Ort, an dem sich das Dorf sammelt, und der einzige, an dem man in Ruhe die Fassaden betrachtet.
- Pinzoner Keller: historische Kellerei, erkennbar an den naiven Malereien auf den Fassaden. Schon von außen ein Umweg wert.
- Saltnerturm mitten in den Weinbergen: der Saltner war der Weinbergshüter, der in den Wochen vor der Lese die reifen Trauben bewachte. Der Turm ist der bauliche Rest eines verschwundenen Berufs.
- Ruine Burg Kaldiff südwestlich des Dorfes: keine besichtigbare Burg, sondern eine Ruine — aber ein gutes Ziel für einen kurzen Spaziergang.
Die Runde Montan – Pinzon – Glen zu Fuß
6,4 km, 2 Stunden, +208 und −208 Höhenmeter, Schwierigkeit leicht. Startpunkt ist das Café Sportbar in Montan (410 m) beim Sportplatz. Der Weg führt über Pinzon hinauf nach Glen (613 m) und dann im Abstieg zurück.
- Von Montan (410 m) über die Kaltegg-Straße auf den Weg Nr. 5.
- Weiter auf Weg 4 und Weg 1 Richtung Pinzon, überwiegend auf Dorfstraßen.
- Nach Pinzon folgt der einzige anspruchsvolle Abschnitt: ein steiler Anstieg durch den Kastanienhain nach Glen, 613 m, dem höchsten Punkt der Runde.
- Zurück geht es über den „Bahnweg“ und Nr. 4B auf der Trasse der alten Fleimstalbahn: gleichmäßiges Gefälle, Schatten, und das eigenartige Gefühl, auf einer Bahnlinie zu gehen, die es nicht mehr gibt.
Beste Jahreszeiten sind Frühling und Herbst. Im Sommer hilft der Kastanienhain, der erste Teil der Runde liegt allerdings offen in der Sonne. Zum Einkehren bieten sich drei Adressen an der Strecke an: Pinzonerkeller, Hofschank Lexnhof und Planitzer. Wie bei allen Buschenschänken der Gegend gelten keine durchgehenden Öffnungszeiten über das ganze Jahr — erkundigen Sie sich vorher, dann planen Sie die Wanderung nicht um eine verschlossene Tür.
Warum führt der Rückweg über eine stillgelegte Bahnlinie?
Weil hier bis in die 1960er Jahre ein Zug fuhr. Die Fleimstalbahn verband Auer (Ora) mit Predazzo über 50,5 km und überwand dabei 873 Höhenmeter — von 224 m auf 1.008 m — bei einer Maximalsteigung von 42 Promille. Gebaut hat sie das k. u. k. Militärgenie im Ersten Weltkrieg: Der Abschnitt Auer–Cavalese wurde am 23. Juni 1917 eröffnet, Cavalese–Predazzo am 1. Februar 1918. Der Zweck war rein militärisch — eine komplette Infanteriebrigade innerhalb von 24 Stunden von Auer ins Fleimstal zu bringen.
Nach dem Krieg wurde die Strecke zivil genutzt, 1929 mit 2600 V Gleichstrom elektrifiziert und 1963 stillgelegt. Heute ist die Trasse ein Weg — und in Glen steht ihr fotogenerstes Stück: ein 73 m langes Steinviadukt.
Der Thalerhof in Glen und die Sache mit den Ortsnamen
In Glen steht der Thalerhof, den Ettore Tolomei 1906 als Sommersitz erwarb. Tolomei ist jener Mann, der die Südtiroler Ortsnamen ins Italienische übertrug. Fast alle italienischen Bezeichnungen, die Sie auf den zweisprachigen Tafeln dieses Tals neben den deutschen lesen, gehen auf seine Arbeit zurück — deshalb heißt Glen auch Gleno und Pinzon auch Pinzano.
Das Thema wird in Südtirol bis heute diskutiert, und ein Reiseartikel wird es nicht entscheiden. Aber es verändert den Blick auf ein zweisprachiges Straßenschild, wenn man weiß, dass dieses Vorhaben ein Haus wenige hundert Meter neben dem Wanderweg hatte. Toponomastik ist hier keine Verwaltungsfrage, sondern jüngere Geschichte, die in Gesprächen noch vorkommt.
Vom Haus aus
Glen ist mit 613 m der höchste Punkt der Runde; der Weiler selbst liegt zwischen 520 und 580 m an den südwestlichen Hängen des Cislon. 69 Einwohner, zwei Ortsteile — Oberglen und Unterglen —, eine den Heiligen Kosmas und Damian geweihte Kapelle und ein Wasserfall am Trudner Bach unterhalb des Mühlentals. Der Name geht auf colonia zurück: römische Rodung und Besiedlung.
Die fünf Ferienwohnungen des Hermann Hof liegen in einem sanierten Hof in diesem Weiler. Der praktische Vorteil: Die Runde Montan – Pinzon – Glen führt unmittelbar vorbei. Sie können sie gegen den Uhrzeigersinn gehen — von der Haustür hinunter nach Pinzon und über den Kastanienhain zurück herauf — oder nur die halbe Strecke und dann umkehren. Kein Auto für den Start, keines für den Rückweg.
Foto: Thomas Monsorno
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