Radfahrer merken es nach den ersten Kurven: hier ändert sich die Steigung nie. Keine Rampen, keine Wände. Denn das war keine Straße, sondern eine Bahnlinie — und Dampflokomotiven fahren nicht in Stößen bergauf. Die Maximalsteigung der Strecke lag bei 42 Promille, also 4,2 Prozent. Um sie einzuhalten, haben die Ingenieure den Berghang geduldig umrundet, statt ihn anzugehen.
Die Fleimstalbahn verband Auer (Ora) mit Predazzo: 50,5 km, um 873 Höhenmeter zu überwinden, von 224 auf 1.008 Meter. Gebaut hat sie das österreichisch-ungarische Militär im Ersten Weltkrieg, mit einem klaren Auftrag: eine komplette Infanteriebrigade in vierundzwanzig Stunden von Auer ins Fleimstal zu bringen — Mannschaft, Ausrüstung, Waffen.
Der Abschnitt Auer–Cavalese ging am 23. Juni 1917 in Betrieb, die Verlängerung nach Predazzo am 1. Februar 1918. Nach dem Krieg blieb die Bahn, 1929 wurde sie sogar mit 2.600 Volt elektrifiziert. Dann gewann der Lastwagen: Am 10. Jänner 1963 fiel die Entscheidung zur Stilllegung, in den Jahren danach wurden die Gleise abgebaut. Die Trasse blieb — und ist heute eine der markantesten Mountainbike-Routen des Südtiroler Unterlands.
Warum eine stillgelegte Bahntrasse?
Weil eine Bahnsteigung für Maschinen berechnet ist, nicht für Beine — und das macht sie zum freundlichsten Anstieg der Gegend. Man fährt im Gespräch bergauf, größere Kinder schaffen es. Die klassische Tour startet am Parkplatz beim Gasthaus Castelfeder an der SS12 nördlich von Neumarkt (Egna) und endet am Sattel von St. Lugan.
Der Landschaftswechsel. Start auf 222 Metern im Etschtal, Ankunft auf 1.126: neunhundert Höhenmeter, die zugleich ein kompletter Vegetationswechsel sind. Von den Blauburgunder-Zeilen in den Kastanienhain, vom Kastanienhain in den Fichtenwald. Genau dieser Sprung macht das Unterland aus — vom fast mediterranen Talboden ins Gebirge an einem Vormittag.
Die Bahnbauwerke. Tunnels, Stützmauern, Viadukte: Die gesamte Linie zählte sechs Tunnels mit insgesamt 786 Metern, sieben Viadukte und acht Brücken, und die Handschrift der Militäringenieure ist noch erkennbar. Das schönste Stück liegt direkt bei uns: der Viadukt von Glen, eine Steinbrücke von 73 Metern Länge.
Die Tourdaten
- Länge: 24,4 km
- Höhenmeter: +929 m (bergab nur −29 m: es geht praktisch nur aufwärts)
- Dauer: 2 Stunden 20 Minuten bergauf
- Schwierigkeit: leicht
- Höhen: von 222 m auf 1.126 m
- Untergrund: Schotterweg, kurze asphaltierte Abschnitte
- Start: Parkplatz Gasthaus Castelfeder, SS12 nördlich von Neumarkt
- Ziel: St. Lugan
Die Trasse führt über Neumarkt, Pinzon, Glen, Doladizza, Montan, Kaltern, Truden und St. Lugan. Das Detail, das für Sie zählt: sie führt durch Glen — also hier vorbei.
Ausrüstung
Mountainbike oder Gravel mit mindestens 40 mm Reifen. Ein Licht: auf der Trasse geht es durch Tunnels, und einige sind lang genug, um in der Mitte wirklich dunkel zu werden. Ausreichend Wasser, denn Brunnen gibt es unterwegs nur wenige. Und eine Windjacke: In St. Lugan sind Sie tausend Meter höher als am Start, und das Wetter ändert dort schnell seine Meinung.
Zum E-Bike: nötig ist es nicht, aber bei 929 Höhenmetern macht es die Tour auch für Gelegenheitsfahrer machbar. Wer regelmäßig fährt, kommt mit dem Muskelrad gut zurecht — die gleichmäßige Steigung ist genau das, was gutes Dosieren erlaubt.
Beste Zeit
April bis Juni und September bis Oktober sind die besten Monate: unten angenehme Temperaturen, oben kühler Wald. Im Juli und August vor 9 Uhr starten — der Talboden des Unterlands ist im Sommer wirklich heiß, und das ist keine Floskel: Wir sind auf gut zweihundert Metern in einem geschlossenen Tal.
Im Herbst färbt sich der Kastanienhain, und dann ist der Anstieg der Grund für die Tour und nicht das Mittel.
Vom Haus aus
Die alte Bahntrasse führt durch Glen: Sie steigen im Hof aufs Rad und sind auf der Strecke, ohne etwas ins Auto zu laden. Am Hermann Hof gibt es einen abschließbaren Fahrradraum und einen Wasserhahn im Freien für den Dreck.
Eine Variante, die gut funktioniert: vormittags auf der Trasse hinauf, Einkehr in St. Lugan, und auf derselben Trasse zurück ins Tal. Bergab sind die 24 Kilometer mühelos — und die Aussicht schaut man sich dabei besser an.
Foto: Thomas Monsorno
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